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Mensch sein - Mensch bleiben | Lehrerberuf

Lehrerberuf im Unterschied zu anderen Berufen | Teufelskreise und Möglichkeiten, sie zu durchbrechen

„Wenn der Mensch alles leisten soll, was man von ihm fordert, so muss er sich für mehr halten, als er ist.“
Johann Wolfgang von Goethe, dt. Dichter, 1749-1832

                                               
 
   

Was unterscheidet den Lehrerberuf von anderen sozialen Berufen?

  • Der wohl wichtigste Punkt ist, dass in der Arbeit der Lehrer die Hoffnung und die Zukunft der ganzen nachfolgenden Generation begründet liegt.
  • Auf den Lehrerberuf ist ein starker (ständig anwachsender) Erwartungsdruck der Gesellschaft gerichtet, soziale Probleme zu korrigieren, Wissen zu vermitteln, individuell auf die Schüler einzugehen und die Persönlichkeits- und moralische Entwicklung der Schüler zu fördern. Während für andere Berufe bestimmte Schwerpunkte gelten, wird vom Lehrer eigentlich alles verlangt (Rollenexpansion).
  • Die Menschen, mit denen der (Elementar- und Sekundar-) Lehrer zusammenarbeitet, kommen nicht feiwillig zu ihm, er kann sie sich nicht aussuchen. Die Grund- und Hauptschule ist eine Pflichtschule. Diese erzwungene Zusammenarbeit bedeutet, dass der Lehrer oft wenig Dankbarkeit oder Feedback bekommt.
  • Der Lehrer arbeitet mit Kindern zusammen, es ist immer ein großer Vorsprung an Wissen und Lebenserfahrung und eine große Verantwortlichkeit gegeben. Dies verstärkt die einseitig gebende Beziehung.
  • Ob der Lehrer sein Arbeiten als erfolgreich erleben kann, hängt nicht in erster Linie von ihm und seinen Bemühungen sondern von den der Schüler ab: Der Lehrer besitzt geringe Kontrolle über seine eigene Arbeit.
  • Schulgesetze und Verordnungen lassen offen, wann die Arbeitsaufgabe des Lehrers erfüllt ist. Diese Entscheidung bleibt somit dem einzelnen Lehrer überlassen. Engagierte Pädagogen kommen eigentlich nie zu einem Ende, haben immer noch etwas zu tun. Die Folgen finden sich dann in Gefühlen wie „niemals fertig zu sein“.
  • Der Lehrer hat es im Normalfall als Einzelperson mit einer Gruppe zu tun. Dies bedeutet, dass der Lehrer ständig in komplexen Situationen interagieren muss. Er agiert unter Zeitdruck und oft mit wenigen Informationen, muss aber ständig Entscheidungen treffen.
  • Der Lehrerberuf ist ein belastender Ganztagesberuf, er wird jedoch in der Öffentlichkeit oft nur als „Halbtagesjob“ gesehen. Das Image ist relativ schlecht.
  • Lehrer arbeiten grundsätzlich in einer größeren Institution. Außerhalb der Institution Schule gibt es für sie wenig Möglichkeiten.
  • In dieser Institution ist es der Normalfall, dass ein Lehrer immer wieder dieselben Klassenstufen bekommt: Im Abstand von 2-3 Jahren geht es bezüglich des Unterrichtsstoffes immer wieder von vorne los.

Die aufgeführten Merkmale gelten besonders für Grund- und Hauptschullehrer. Für Lehrer an weiterführenden Schulen existiert der große Erwartungsdruck nicht in dem Maße, weil die Schüler immer mehr Eigenverantwortlichkeit erwerben. Ebenso gilt das Merkmal der Pflichtschule nicht, außerdem ist das Image von Lehrern höherer Schulen besser.

Quelle: “Burnout bei Lehrern“ von Anne-Rose Barth Seiten 89 – 90
Hogrefe Verlag für Psychologie, Göttingen 1992

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Teufelskreise und Möglichkeiten, sie zu durchbrechen

Die Entstehung von Stress ist auch ein dynamischer Prozess, wobei sehr häufig die Diskrepanz zwischen den eigenen Absichten und den erzielten Wirkungen eine wichtige Rolle spielt. Die humanistische Psychologie vertritt die Auffassung, dass jeder Mensch um Wirksamkeitserleben bemüht ist. Bleiben die Wirkungen hinter den Erwartungen zurück, entstehen Unzufriedenheit und Unbehagen, ja, es kann sich ein ganz neuer Teufelskreis von Negativwirkungen entwickeln. Nehmen wir z.B. die geradezu unbegrenzten Erwartungen an den Lehrerberuf. Diese Erwartungen kann in vollem Umfang niemand erfüllen. Macht eine Lehrerin sie sich trotzdem zu Eigen, kommt es unausweichlich zu Diskrepanzen zwischen den erzielten und den intendierten Wirkungen. So kann sich ein Teufelskreis entwickeln:

  • Die erhofften Wirkungen bleiben aus. Es entsteht eine Diskrepanz zwischen den eigenen beruflichen Ansprüchen und der erlebten Realität.
  • Die engagierte Lehrerin reagiert mit Enttäuschung, Verunsicherung, Selbstzweifel (Bin ich vielleicht eine schlechte Lehrerin?) oder sie entwickelt sogar Angst.
  • Die Gefühlsreaktionen gehen einher mit Zuständen mentaler und muskulärer Anspannung. Die Kollegin merkt, wie sie sich verkrampft und bleibt dadurch erst recht hinter ihren Ansprüchen zurück.
  • Längere Prozesse der Verstimmung oder Verspannung beeinflussen merklich die vegetativen Prozesse. Es kann zu Schlafstörungen, Kreislaufstörungen oder Beeinträchtigung der Magen-Darm-Tätigkeit kommen.
  • Die Lehrerinnen und Lehrer, die feststellen, dass sie hinter ihren Zielen zurückbleiben, reagieren in der Regel mit vermehrter Anstrengung.
  • Stellt sich auch dann noch nicht die gewünschte Wirkung ein, kommt es zu einer Beschleunigung der Vorgänge, wobei
  • Anspannung, Verstimmung und psychosomatische Beschwerden zunehmen und die Person womöglich chronisch erkrankt.

Dabei sind die besagten Diskrepanzen bei weitem nicht die einzigen Stressoren: Der Ciculus vitiosus kann noch einiges an Dynamik gewinnen durch

  • Verschlechterte Arbeitsbedingungen
  • Eine veränderte und vielleicht wenig lernwillige Schülerschaft,
  • Altersbedingte körperliche Veränderungen, Wechseljahre,
  • Lehrerschelte, das negative Bild von Lehrerinnen und Lehren in der Öffentlichkeit etc.

Teufelskreise kann man umso wirksamer durchbrechen, wenn dies an möglichst vielen Stellen geschieht. Manche Stellen des Teufelskreises kann man alleine „knacken“

  • mit Entspannungstechniken,
  • mit Gesundheitsvorsorge,
  • durch das Finden und Wiederbeleben von (verloren gegangenen) Kraftquellen,
  • durch eine ermutigende und akzeptierende Selbstkommunikation.

Man kann auch die eigenen Kompetenzen vermehren um seine Wirksamkeit zu erhöhen. Natürlich denken dabei viele zuerst an eine Steigerung der methodisch-didaktischen Qualifikation. Wir möchten zusätzlich aufmerksam machen auf Möglichkeiten der Verbesserung des persönlichen Zeitmanagements, der Arbeitsorganisation und der Kommunikation – Kompetenzen, die im Lehrerberuf  wichtig sind, aber kaum jemals auf dem Ausbildungsplan stehen. Zu den wirksamsten Möglichkeiten der Stressreduktion gehört jedoch, die eigenen Ansprüche zu überprüfen. Wenn man sich unrealistische Ziele vorgegeben hat, kann es eine erhebliche Erleichterung darstellen, sich erreichbarere Marken zu stecken.
Manche Entlastung kann nicht allein durch eine individuelle Willensanstrengung erreicht werden, sondern nur im Zusammenwirken mit Anderen, z.B. durch

  • eine intensive fachliche Kooperation mit anderen Kolleginnen,
  • Herstellung eines pädagogischen Konsenses im Kollegium oder
  • Zweckdienlichen Absprachen in der Familie.
Quelle: „Stressmanagement für Lehrerinnen und Lehrer“ von Rudolf Kretschmann (Hrsg.), Seiten 25-26, Beltz Praxis Verlag 2001

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